01.08.2025

Die Illusion der Produktivität – oder warum To-Do-Listen die neuen Horoskope sind

Kommunikation

Körpersprache

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Manchmal frage ich mich:

Sind wir heute wirklich produktiver als vor zwanzig Jahren?

 

Damals gab es weder Slack noch Asana, weder 24/7-E-Mail noch die Cloud. Und trotzdem – welch unfassbares Wunder – wurden Flughäfen gebaut, Unternehmen geführt und sogar Bücher geschrieben.

Heute dagegen? Wir haben Tools für alles: Projektmanagement, Fokus, Pausenmanagement. Bald wahrscheinlich auch eine App, die uns daran erinnert, die App zu schließen. Und doch beschleicht mich der Verdacht:

Wir arbeiten nicht mehr an Ergebnissen, sondern zunehmend an unseren Tools.

Produktivitätsmanagement ist zu einer eigenen Industrie geworden – und wir sind ihre besten Abnehmer, süchtig nach der nächsten Funktion, die angeblich unser Leben leichter macht.

Der psychologische Haken:

 

Wir verwechseln Beschäftigung mit Produktivität.

 

Action Bias nennt sich das – Hauptsache, wir tun etwas. Auch wenn dieses Etwas so nützlich ist wie Staubsaugen vor dem Urlaub. Das beruhigt das Gewissen, bringt uns aber selten wirklich weiter.

Und ja, ich gestehe: Ich bin genauso anfällig. Ich führe To-Do-Listen, für mich, für meine Toichter, für meinen Mann – was er gar nicht so wahnsinnig schätzt ….

Nun, To-Do-Listen funktionieren für viele von uns wie das Tageshoroskop in der Zeitung: Man liest sie morgens, fühlt sich für einen kurzen Moment klar, geordnet und bereit für den Tag – doch ob der Tag wirklich so läuft, hat damit oft herzlich wenig zu tun. Diese Listen sind mein persönlicher Placebo-Effekt. Sie geben mir das Gefühl, die Welt in kleinen, überschaubaren Kästchen gefangen zu haben. Doch in Wahrheit bin ich wie alle anderen: Zwischen Idee und fertigem Produkt liegen bei mir nicht 20 %, sondern 97 % Schweiß, Zweifel und noch ein oder 100 Tassen Kaffee. Und die Liste macht diese Distanz nicht kürzer – sie schreibt nur hübsch mit.

Ein kurzer wissenschaftlicher Exkurs: Studien zeigen, dass unser Gehirn auf erledigte Aufgaben mit einem kleinen Dopamin-Kick reagiert. Ein Häkchen auf der Liste löst also das gleiche Glücksgefühl aus wie ein Like auf LinkedIn. 😉

Das Problem? Wir trainieren uns damit an, lieber kleine, schnelle Aufgaben abzuhaken, statt uns mit den wirklich großen Brocken zu beschäftigen. Kognitionspsychologen nennen das cognitive miserliness – wir sparen Energie, wo wir eigentlich investieren müssten.

Das erklärt auch, warum wir am Ende des Tages manchmal erschöpft, aber unbefriedigt sind. Wir haben viel getan – und doch kaum etwas vollbracht.

Vielleicht sollten wir uns also weniger fragen: „Wie viele Kästchen habe ich heute gefüllt?“ Sondern: „Welches Ergebnis hat tatsächlich Bestand?“

 

Produktivität heißt nicht, dass der Tag voll ist. Produktivität heißt, dass etwas bleibt.

 

Und damit zurück zu meiner Lieblingsfrage: Wofür genau will ich meine (leider begrenzte) Energie einsetzen? Für das hundertste Tool-Update? Oder für das eine Projekt, das morgen noch Sinn ergibt?

Mehr Tools machen uns wahrscheinlich nicht produktiver. Mehr Klarheit schon.

 

Mit kommu-nika-tiven Grüßen
Nika

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