01.06.2025

Macht ist kein Charakterzug – sie ist ein System.

Kommunikation

Körpersprache

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Macht wird noch immer gerne an Persönlichkeiten festgemacht. An Lautstärke, an Durchsetzungskraft, an Menschen, die einen Raum betreten und scheinbar sofort wirken. Diese Vorstellung ist bequem, weil sie die Macht individualisiert – und sie ist falsch.

Macht ist kein inneres Merkmal, kein Charakterzug und auch keine Frage von Temperament oder Mut. Sie entsteht dort, wo ein System beginnt, jemandem zuzuschreiben, Orientierung geben zu dürfen. Oder zumindest weniger Unsicherheit zu erzeugen als die verfügbaren Alternativen.

Ich habe während meines Schauspielstudiums einen Satz gelernt, der dieses Prinzip erstaunlich präzise auf den Punkt bringt:

 

“Den König spielen immer die Anderen. Oder die Königin.”

 

Gemeint ist nicht Unterwerfung, sondern Zuschreibung. Macht entsteht nicht dadurch, dass man sie nimmt, sondern dadurch, dass andere beginnen, sich danach zu richten. Nicht aus Bewunderung, sondern weil etwas vermittelt wird, das Halt gibt. Oder zumindest das Gefühl erzeugt, hier besser – oder weniger schlecht – aufgehoben zu sein als anderswo.

Damit verschiebt sich der Blick, weg von der Person, hin zur Beziehung, hin zum System. Macht wird verliehen. Und sie bleibt nur so lange bestehen, wie diese Zuschreibung stabil gehalten wird.

Genau an dieser Stelle wird Kommunikation relevant – nicht als Ausdruck von Macht, sondern als ihr Verstärker, ihr Instrument. Kommunikation entscheidet darüber, wie tragfähig diese Macht im System bleibt. Sprache organisiert die Wahrnehmung von Macht.

Wenn ich mit Entscheider:innen arbeite, geht es deshalb selten um Kommunikation im klassischen Sinn. Kaum jemand auf C-Level zahlt dafür, besser zu formulieren, empathischer zu wirken oder rhetorisch geschmeidiger aufzutreten.

 

Sie zahlen für etwas anderes:

 

Dafür, keinen Reputationsschaden zu produzieren, während Entscheidungen getroffen werden. Für Entscheidungsfähigkeit, gerade dann, wenn es keine guten Optionen mehr gibt. Manchmal auch für Machtklarheit – also für das Wissen, wie sie gelesen werden, wo sie stehen und was sie sich leisten können. Und sie zahlen für Anschlussfähigkeit, – momentan ein volles Modewort – dafür, dass andere mitgehen, ohne überzeugt werden zu müssen.

 

Denn hier wird Kommunikation zur Entscheidung.

 

Entscheider kommunizieren weil jedes Wort Richtung setzt, Verantwortung verteilt oder Unsicherheit erzeugt. Kommunikation ist kein Beiwerk zur Entscheidung, sie ist Teil der Entscheidung selbst.

Systeme reagieren sensibel auf Signale von Sicherheit, Berechenbarkeit und Orientierung. Führung entsteht dort, wo andere das Gefühl haben, dass jemand einen Rahmen anbietet, in dem sie sich selbst verorten können – so, dass genügend Raum bleibt, um eigene Bedeutungen hineinzulesen.

Deshalb wirken Machtpositionen oft dort stabil, wo Ziele bewusst so formuliert sind, dass sie einen großen Interpretationsrahmen öffnen. Groß genug, damit sich viele darin wiederfinden. Offen genug, um niemanden festzulegen. Das erinnert an die Sprache des Milton-Modells (ich hab es schon mal in einem anderen Newsletter genauer erklärt) die ursprünglich als Einladung gedacht war und heute nicht selten zur strategischen Verklausulierung wird.

 

Das Problem ist die Verwechslung von Offenheit mit Führung.

 

Systeme brauchen keine perfekten Antworten, aber sie brauchen das Gefühl, dass jemand liest, was gerade auf dem Spiel steht: Erwartungen, Ängste, Interessen und Kräfteverhältnisse. Macht entsteht dort, wo dieses Lesen gelingt – nicht dort, wo jemand besonders korrekt argumentiert.

Deshalb verlieren viele Menschen Macht, obwohl sie kompetent sind. Sie formulieren sauber, handeln moralisch richtig und argumentieren überzeugend – und übersehen, dass Systeme nicht nach Richtigkeit funktionieren, sondern nach Anschluss.

Wer die Macht nicht lesen kann, versucht sie zu kompensieren: mit Lautstärke, mit Druck, mit Kontrolle. Das wirkt kurzfristig – und bricht langfristig. Denn Macht ist kein Besitz, sondern ein Zustand, der sich permanent neu stabilisieren muss.

 

Die stille Zumutung an Führungskräfte lautet deshalb:

 

Nicht wer Recht hat, behält Macht, nicht wer es gut meint. Sondern wer versteht, wie Systeme Bedeutung vergeben.

Wer das übersieht, verliert Macht selten spektakulär – sondern leise, während er noch glaubt, korrekt zu kommunizieren.

 

Mit kommu-nika-tiven Grüßen
Nika

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